Ein kurzer Auszug aus dem Roman

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Auf dem Bett lag ein Bild. Wieso? Eine dicke Holzplatte. Mit jeder Drehung der Platte veränderte sich das Bild. Dann der Name von Sachmann auf die Kante gemalt. So war das Bild zu halten. So, dass der Name von Sachmann gut zu lesen war. Auf dem Bett lagen Schnüre, mit denen sich das Bild mitten in meinem Loft an einen der starken Deckenbalken hielt, so dass es vom Mittelpunkt meines Lebens zu betrachten war. Die Nachmittagssonne, die mit ihren Karos spielte, blinzelte seitlich durch die alten Sprossenfenster auf das Bild. Sie war freundlich. Dieses Bild war nicht freundlich, warum dann verhielt sich die Sonne so? Als es dunkel wurde, musste das Bild mit dem kalten Licht meiner Schreibtischlampe beleuchtet werden und erzeugte Übelkeit. Schweiß auf der Stirn. Wieder klopfte es am linken Hals, als würde jemand rhythmisch draufschlagen. Der Hals musste angebrüllt werden, doch das Klopfen gab nicht nach. Mitten in der Nacht entfernte es sich gemächlich, ohne Eile und mit einer großen Überlegenheit, denn es wusste, dass es jederzeit wiederkommen konnte. Nichts konnte es daran hindern.
Wieder draußen in der kranken Stadt, die in einem abwartenden Wachkoma lag. Sie wollte so gern sterben, aber sie wurde am Leben erhalten. Es war ruhig und trocken. Kaum Verkehr. In einigen Stunden würde die Stadt erlöst werden und musste ins Leben zurückkehren. Kein Mitleid, bitte. Tausende würden erwachen, aufstehen, sich die Zähne putzen, Frühstück bereiten, sich ankleiden, die Toilette benutzen, die Wohnungen verlassen, in ihre Autos steigen, die S-Bahn nehmen, sich überlegen, was sie heute essen würden, welchen Film sie am Abend sehen, welches Buch sie lesen, welche Freunde sie treffen wollen. Sie würden zur Arbeit gehen, dort einige Stunden bleiben, zurückkehren, einkaufen, essen, einen Film ansehen, lesen, Freunde treffen, müde werden, bis zum nächsten Morgen schlafen. Immer wieder. Bis sie alt, krank und gebrechlich werden. Wie sinnlos und wie traurig. Wie konnte man damit leben? Nur Natur konnte damit leben, weil sie den Menschen fremd war, willenlos, benutzbar, ausnutzbar, ein Randzustand, zurückgedrängt auf das Notwendigste, kaum noch von Interesse, hinderlich in ihrem grotesken Anspruch nach Bedeutung. Anklage. Bedeutung neben all der Sinnlosigkeit. So nebeneinander. Als bräuchte man sich noch.
Zuhause ein bleiernen Schlaf. Danach Angst. Ein Zettel unter der Tür: War heute im Institut. Hab all deine Pilze aufgegessen. Ragout mit Porree, Butter, Weißwein, Rahm und gekochten Eiern auf herrlichem Vollkorntoastbrot. Weiß jetzt, warum du Mykologe bist. Die Welt kann ja so bunt sein.
Das kam von Janek.
Ein Bild in meinem Loft. Von Sachmann. Es war nicht größer als das Ameisenbild. Sachmann hatte sich in eine Holzplatte eingefräst, eingefressen, sie grob aufgerissen, Löcher gebohrt und all dem dann eine Umrandung aus einem anderen Material gegeben. Im Außenbereich war das Bild in einem stumpfen, schon verkrusteten Blutrot bemalt. Es hatte sanfte Erhebungen, war dort friedlich. Die Umrandung und das verwüstete Innere aber war bräunlich, ocker, hatte gelbe und auch wieder rote Konturen. Vor allem das Innere sah totbraun aus. Es glänzte und schien Ausdruck einer besonderen Aggressivität, einer unbeschreiblichen Wut zu sein. 
Die eingeklemmte Frau am Steuer des Ford Ranger. Danach die langen Reihen der Leichen. Danach nichts. Nach den Leichen kam nichts mehr. 
Natur hält nicht still. Glaubt das ja nicht! Sie weist uns ab, will nicht mehr mit uns sein. Wir haben das Verhältnis gekündigt. Wir waren das. Wir sterben mit ihr. Wir. Sie stirbt an uns.
Was war nach den Leichen gewesen? Wo war ich nach den Leichen gewesen? 
Dieser Gedanke wiederholte sich nun ständig, während ich ein wenig aß und mich auf meinen Nachtspaziergang vorbereitete. Ich war doch nach den Leichen irgendwo gewesen. Und wieso war ich jetzt hier? Mit einem Bild von Sachmann.