Ein kurzer Auszug aus dem Roman

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    Als auch Lorenz das Haus verlassen hatte und Boye allein in der Werkstatt weiterarbeitete, stellte er das Sprechen ganz ein. In dieser Zeit begann Marin damit, jeden Nachmittag in die Werkstatt des Vaters zu gehen und dort ungefragt manchmal nur wenige Minuten, manchmal fast eine Stunde lang leise zu singen.

Sieke wurde nun zur Vermittlerin zwischen Boye und seinen Auftraggebern.…Sie sprach mit ihrem Mann zärtlich und manchmal andächtig wie mit einem Kind. Boye verständigte sich mit ihr nur noch durch seine Augen, denen sie ablas, ob er ein `Ja´ oder ein `Nein´, ein `Vielleicht´ oder ein `Später´ meinte. Siekes Bitte, doch einen Arzt aufzusuchen, beantwortete er mit einem entschiedenen Augen-Nein.Marin erhielt auf ihren Gesang ein Augen-Danke. Willem erlernte die Augensprache besser als alle anderen, und so unterhielt er sich mit ihm beim gemeinsamen Essen über die ersten Lernerfolge in der Schule, über mich oder über die älteren Brüder und Bendix. Auch mit mir übte Willem nach diesen Erfolgen fleißig die Augensprache, was jedoch meist in Albernheiten endete, weil sich bei uns wundervolle Missverständnisse einschlichen, wenn wir uns aus Versehen versprochen hatten. Gesche allerdings wich dem Vater oft aus, denn sie hatte große Angst nach dessen Veränderung. Boye, konnte zu seiner Tochter, die damit begann, jeden Tag mehrere Stunden zu malen, keinen Zugang mehr finden. Das Malen allerdings wurde von kaum jemandem ernst genommen und beachtet, denn Gesche benutzte weniger Kohle oder Ölfarben für ihre Arbeit als vielmehr alles andere, was sie finden konnte und was Farbe von sich gab wie unreife Walnussfrüchte, Gewürze, reifes Gemüse, aber auch Blätter und Rinden der Bäume, tierisches Blut, Schlick oder einfach Dreck, den sie im Haus oder in der Schlosserei fand. Die Farben pinselte sie nicht nur auf das Papier sondern drückte, kratzte oder zerrieb sie. Die Bilder, die dann entstanden, sahen schließlich nicht aus wie Bilder, die man in gewohnter Weise zu sehen bekam. Man erkannte keine Menschen, Bäume oder Landschaften sondern sah Kreise und andere geometrische Figuren, die ineinander verschlungen und manchmal durch derbe Farbstriche zerstört waren. Die wenigen Bilder, die Gesche verschenkte, wurden meist freundlich entgegengenommen und verschwanden dann irgendwo. Fast niemand hängte sich Gesches Bilder mit Namen wie  Gestern zurück oder  Da ist es an die Wände.Jaspersen hatte von dieser seltsamen Leidenschaft des Mädchens erfahren und bei einem Besuch Siekes in der Apotheke darum gebeten, doch einmal diese Bilder sehen zu können. Wenige Tage später war Gesche mit einer Mappe vorbeigekommen, hatte etwa zehn Bilder vorgezeigt und zum Erstaunen aller in Jaspersen einen Interessenten für sämtliche Bilder gefunden. Doch ebenfalls zum grossen Erstaunen hatte Gesche sich geweigert, die Bilder abzugeben und Jaspersen erst nach dessen langem Bitten ein Bild mit dem Namen  Kleine Schritte zu mir überlassen.Auf diesem Bild war mit hellen Naturfarben eine Anordnung verschiedener Spiralen dargestellt, die aus einem tiefroten Raum heraustraten. Jaspersen versprach, das Bild nicht in der Hölle, sondern an einem sicheren Ort aufzuhängen. Gesche erhielt so viel Geld dafür, dass sie sich eine Tüte Safran, neue Bögen Papier und ein großes Stück Leinen kaufen konnte. … Einige Wochen später stand Jaspersen in der Tür zur Schlosserei. Bootsmann, der nun meist in der Werkstatt war und dicht am Feuer lag, sah kurz auf. Auch Boye blickte von der Arbeit auf und warf dem Apotheker einen Guten-Tag hin. Jaspersen wusste zwar, dass der Schlosser sehr wortkarg geworden war, konnte sich aber nicht erklären, warum er überhaupt nicht sprach. Schließlich überging er diese Peinlichkeit und bemühte sich um ein Gespräch, bei dem Boye möglichst nicht antworten musste.…Sagen Sie, Deletre, Ihre Tochter, könnten Sie nicht einmal mit ihr sprechen, dass sie mir noch das eine oder andere Bild überlässt?Boye musste an dieser Stelle ganz offen darauf hinweisen, dass er die Malerei seiner Tochter für einen großen Unsinn hielt.Sie sind doch in ihrem Fach auch schon fast ein Künstler, Deletre. Sie werden doch am besten verstehen, was sie uns mit ihren Bildern sagen will. Ich verlass´ mich da ganz auf Sie. Zwei, drei Bilder. Ich zahle ja auch dafür.… Gesche schenkte ihrem Vater in diesem Sommer ein Bild, das "Aus dem Feuer" hieß und angeblich etwas mit dem Ereignis um das fehlende Wasser im Winter zu tun hatte. Da sie mittlerweile im Haushalt einer Kaufmannsfamilie arbeitete, hatte sie erst nach langer Zeit das Bild beendet, an dem nicht nur bemerkenswert war, dass niemand den Namen mit dem fehlenden Wasser in Verbindung bringen konnte. Es war auch das größte Bild, das Gesche bis dahin gemalt hatte, denn es passte gerade noch durch die Schlossertür, hatte eine Leinwand, war auf einem von Willem gebauten Holzrahmen aufgespannt, und es war in seiner Größe fast ausschließlich safrangelb, was jedoch weder mit Wasser noch eindeutig mit Feuer in Verbindung zu bringen war. Aus der gelben Grundfarbe kamen perspektivisch gemalte Würfel hervor, die sich in einer rotierenden Bewegung zu befinden schienen, so dass man schon fast glauben konnte, sie würden einem gleich um den Kopf fliegen.Als Gesche und Willem das Bild in die Werkstatt trugen, hielt Boye einmal wieder ein rotglühendes Eisenstück in einer Zange. Er fragte Willem, warum sie denn nun diese gelbe Wand hineinbringen würden, und Willem erklärte seinem Vater, dass dies ein Geschenk von Gesche sei, ein Bild, das sie selbst gemalt habe und in das das gesamte Geld geflossen sei, das sie von Jaspersen für ein verkauftes Bild bekommen hätte. Das rührte Boye, und Willem wusste schon sehr genau, warum er diese Erklärung gewählt hatte.Boye trat an seine Tochter heran und versuchte ein letztes Gespräch: Ich weiß, dass Du mit mir über Dein Bild sprechen willst. Aber ich verstehe es nicht. Ich will aber darüber nachdenken, denn ...Hier wandte sich Gesche von ihm ab und verließ eilig den Raum.Ich verstehe sie nicht, deutete Boye zu Willem.Sie uns auch nicht, antwortete der Sohn.